Digitalisierung ist in aller Munde. Keine Konferenz mehr, keine Tagung oder keine Besprechung mehr ohne die Worte Digitalisierung, Agile, New Work, Industrie 4.0 oder andere Buzzwords, die wie selbiges gerne „denglisch“ in den Raum geworfen werden.

 

Aber wo steht der Mittelstand eigentlich, wo gibt es Baustellen, wo fängt man am besten an? Zusammen mit dem Wirtschaftsministerium in NRW ist 2017 zum ersten Mal von der FHM der Digitalisierungsindex von KMU in NRW analysiert worden. 2018 erfolgte eine zweite Erhebung, diesmal mit Unterstützung des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe. (vgl. im Folgenden Werning 2018) Die Ergebnisse zeigen, dass der Mittelstand in NRW deutlich Aufholbedarf im Bereich der Digitalisierung aufweist. Untersucht wurde der Status Quo der Digitalisierung in den Branchen Industrie, Handwerk und industrienahe Dienstleistung bei mittelständischen Unternehmen mit einer Mitarbeiteranzahl zwischen 20 und 499 Mitarbeitern.

 

Insgesamt kommen die mittelständischen Unternehmen laut dem Index von 2018 auf einen Wert von 4,1 von insgesamt maximal 10 zu erreichenden Indexpunkten. Dies entspricht der Aussage „wenig digitalisiert“. Zwischen den Branchen lassen sich dabei keine signifikanten Unterschiede feststellen, auch können zwischen den einzelnen Wirtschaftsregionen in NRW keine regionalen Unterschiede ausgemacht werden. Eines wird jedoch sehr deutlich. Kleine Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern sind deutlich weniger digitalisiert als größere Mittelständler. Hier liegt die klare Gefahr, dass diese den Anschluss in Zeiten der Digitalisierung verlieren.

 

Wo liegen inhaltlich die größten Probleme? Im Rahmen des Index wurden drei Digitalisierungsdimensionen untersucht: Die IT-Infrastruktur, die Wertschöpfung und die Dimension Management, HR und Innovation.

 

Der größte Fokus der Unternehmen scheint auf dem Bereich der IT-Infrastruktur zu liegen. Hier werden über alle Unternehmen insgesamt 6,0 Indexpunkte erreicht.  Besonders hoch ist der Ausschlag im Bereich der IT-Sicherheit und Security. Hier ergibt sich ein Indexwert von 7,6. Das heißt: Mittelständische Unternehmen kümmern sich anscheinend viel um das Thema Sicherheit. Die hohe Einschätzung des eigenen Sicherheitsstandards im Unternehmen lässt jedoch die Frage offen, wie es dann sein kann, dass andere Studien wie von der Bitkom gerade die hohe Anzahl von Cyberangriffen mit Mittelstand betonen. Hier scheint es also Differenzen zwischen der gefühlten und der tatsächlichen Sicherheit zu geben. (vgl. Bitkom 2015)

 

Ein bedenkliches Ergebnis der Studie ist, dass von allem im Bereich der Wertschöpfung kaum Digitalisierungsaktivitäten stattfinden. Der Bereich Produktion/Leistungserstellung ist mit einem Indexwert von 2,7 so gut wie gar nicht digitalisiert. Prozesse, bei denen es um die Produktion eines Gutes oder die Erstellung einer Dienstleistung geht erfolgen damit wenig automatisiert. All die neuen Begriffe wie Autonomisierung oder künstliche Intelligenz spielen hier keinerlei Rolle, nicht mal die der Industrie 3.0 zuzuordnende Automatisierung liegt hier in vielen Unternehmen vor. Die so genannten Industrie 4.0 Technologien wie Virtual oder Augmented Reality, RFID Chips, NFC Technologie, Sensortechnologien usw. spielen derzeit nur in einzelnen Unternehmen eine Rolle. (Index 1,4). Die meisten mittelständischen Unternehmen nutzen diese Technologien nicht.

 

Selbst gängige digitale Medien wie eine Homepage, die auch mobil abgerufen werden kann, oder auch digitale Präsentationsformate wie Videos oder Fotos geschweige denn Simulationen sind in vielen Unternehmen nicht vorhanden. Einen Webshop oder eine Vertriebsplattform haben über 75 % der Unternehmen nicht. Einzig und allein digitale Rechnungen und digitale Zahlungsmethoden scheinen sich langsam in den Unternehmen durchzusetzen.

 

Den Unternehmen fehlt es nach eigenen Angaben an Fachkräften für die Digitalisierung. Jedoch fehlt andererseits in vielen Unternehmen auch eine digitale Strategie. Wofür braucht man also Fachkräfte? Wie sehen Geschäftsmodelle der Zukunft aus? Und wer soll die Transformation steuern? Dies sind alles Fragen, die häufig ungeklärt bleiben, da eine Zuordnung und klare Verantwortung für die Thematik häufig fehlt oder einfach in der IT angesiedelt ist, in der Hoffnung, dass die technikaffinen IT-ler hoffentlich für alles eine Antwort haben. Im Thema Digitalisierung geht es jedoch auch um die Sensibilisierung und Mitnahme von Menschen. Auch ein Wandel der Arbeitsformen ist für die Gewinnung von Fachkräften notwendig. Weder wird von den Unternehmen jedoch auf virtuelle Formen der Zusammenarbeit gesetzt noch werden Mitarbeiter für die Herausforderungen der Digitalisierung qualifiziert.

 

Es bleibt also festzuhalten: Die Digitalisierung im Mittelstand hat begonnen, ist aber von der viel beschworenen Industrie 4.0 noch meilenweit entfernt. Um auch zukünftig erfolgreich zu sein, müssen mittelständische Unternehmen die Potenziale der Digitalisierung erkennen und innerhalb ihrer eigenen Branche analysieren, in welchen Bereichen jetzt begonnen werden muss. Ein Patentrezept gibt es nicht, jedoch Fragen, die sich jedes mittelständische Unternehmen stellen sollte. Die Fragen, die Sie sich stellen können, sehen Sie im nächsten Blogbeitrag. Autor: Prof. Dr. Ellena Werning

 

Literaturhinweise

 

BITKOM (2015): Online unter: www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Digitale-Angriffe-auf-jedes- zweite-Unternehmen.html (Abruf: 30.03.2017).

Werning, E. et al (2018): Digitalisierungsindex von KMU in NRW. Digitalisierungsstand in den Branchen Industrie, industrienahe Dienstleistungen und Handwerk. 2. Aufl. Online unter: https://www.fh-mittelstand.de/fileadmin/user_upload/Digitalisierungindex_fuer_KMU_2._Auflage.pdf (Abruf: 27.09.2018)

Prof. Dr. Ellena Werning

Forschungsdirektorin für Digitalisierung und Sicherheit an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld und Beiratsmitglied von SUMABO

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2019-03-06T10:37:40+01:00Oktober 1st, 2018|Personalmanagement|0 Kommentare

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