In diesem Beitrag geht es um:

  • Die Frage was Kreativität ist und welche Bedeutung sie für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hat.
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Kreativität und die Verknüpfung mit unternehmensrelevanten Instrumenten wie Anreiz- und Führungssystemen.

Kreativität steht am Anfang einer jeden Unternehmensgeschichte und zieht sich durch sie hindurch. Sie ist für alle Unternehmensbereiche gleichermaßen notwendig. Zudem erhöhen Entwicklungen, wie etwa sich verkürzende Produktlebenszyklen, den Druck „kreative Lösungen“ zu finden. Wenig umstritten ist jedoch, dass sich Kreativität und Druck gegenseitig ausschließen. Problematisch ist, dass in der Unternehmenspraxis häufig nur (falsch) angewandte Kreativitätstechniken, wie etwa das Brainstorming, durchgeführt werden und in der Regel nur große Unternehmen ihre Mitarbeiter adäquat schulen und aufklären. Dass Kreativität erlern- und trainierbar ist und durch andere Zugänge nicht nur mehr Kreativität und Innovationen, sondern auch Arbeitszufriedenheit und Teamzusammenhalt gefördert werden können, soll dieser Beitrag zeigen. Selbstverständlich dient dieser Beitrag nur als Impuls und soll – ganz im Sinne der Neugierde und Kreativität – zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Thematik anreizen.

Unter Kreativität wird zuallererst ein schöpferischer Denkprozess, der neuartige, unkonventionelle Ideen hervorbringen soll, die ein ex-ante formuliertes Problem lösen können, verstanden. Auf ihn wirken individuelle, gruppenbezogene und organisationale Elemente ein. Eine daraus resultierende Frage könnte lauten: Wie können Sie sich und ihre Mitarbeiter zum kreativen und flexiblen Denken anreizen? Diese Frage ist wichtig, denn je flexibler wir denken, desto eher können wir die Qualität und die Anzahl unserer (kreativen) Ideen erhöhen. Flexibles Denken zielt auf einen Verstoß unserer gewohnten Lebens- und Arbeitsabläufe ab. Je festgefahrener ein Mensch ist, desto weniger wird sein  Gehirn angereizt sich mit neuen Erfahrungen auseinanderzusetzen. – Ein Grund, warum Kindern oftmals eine hohe Kreativität zugesagt wird. Sie erleben jeden Tag neue Dinge und müssen sich damit auseinandersetzen und sich Routinen über Zusammenhänge und Schematabestätigungen erst erarbeiten. Gewöhnen wir uns an den täglichen Weg zur Arbeit, lädt das Gehirn sein Standardprogramm und wir achten weniger auf unsere Umwelt. Somit rosten unsere kognitiven Fähigkeiten ein.

Verstöße gegen diese Standardprogramme reizen zum flexiblen Denken an und fördern kreative Denkprozesse.

Wie die Zubereitung des Frühstücks die Kreativität anregen kann zeigt eine Untersuchung der Psychologin Ritter. Antworten innerhalb einer festgelegten Zeitdauer auf die Frage, was alles mit einem einfachen Ziegelstein gemacht werden kann, konnten Probanden eines Versuchs ausführlicher und mit deutlich mehr Ideen entwickeln, wenn Sie ihr Butterbrot kurz zuvor anders als gewohnt zubereitet haben. Während eine Kontrollgruppe ihr Butterbrot auf herkömmliche Weise zubereiten durfte, musste die Hauptgruppe ihr Butterbrot zuerst in Butter drücken und dann in Schokostreusel. Das geschmackliche Ergebnis ist gleich. Jedoch hat die zweite Vorgehensweise nichts mit dem gewohnten „Standardprogramm“ zu tun. Diese Gruppenmitglieder konnten mehr und ausführlichere Ideen zu Verwendungszwecken eines Ziegelsteins ausführen als die Kontrollgruppe. (Vgl. Ritter, S.M. et al., 2012.) Es gibt mehrere dieser Versuche mit ähnlichem Ausgang. Für den Einsatz von Kreativitätstechniken (wie Brainstorming, Methode 635 und weiteren) bedeutet dies, dass die Teilnehmer erst in die kognitive Lage versetzt werden müssen, um kreativ zu sein. Investieren Sie also entweder vor jeder Übung etwas Zeit für ein kreatives Frühstück. (Es gibt auch andere Übungen, die zudem noch Vertrauen, Teamgeist und Spaß fördern: Beispielsweise die Marshmallow-Challenge: Bilden Sie kleine Teams, die innerhalb einer festgelegten Zeit mit Klebeband und Spaghettis einen möglichst hohen Turm bauen müssen. Die Spitze des Turms markiert ein aufgespießtes Marshmallow.)

Ähnlich wirken im Übrigen auch Schemataverstöße, die durch Auslandserfahrungen insbesondere in anderen Kulturkreisen erlebt werden. Auch dort wird gegen die im Heimatland alltäglich erlebten Routinen verstoßen, wodurch die kognitiven Fähigkeiten trainiert werden. Sie können daher auch bei der Zusammenstellung von Gruppen, die kreative Lösungen finden sollen, beispielsweise darauf achten, dass die Gruppenmitglieder unterschiedliche kulturelle Einflüsse mitbringen.

Ähnlich negativ wie eingefahrene Routinen sind falsch eingesetzte Anreizsysteme.

Leistungsabhängige Vergütung bzw. Prämien können Kreativität hemmen. Für Standardisierte Aufgaben eignen Sie sich eher. Fragen Sie sich daher, wie Sie ihr Anreizsystem diesbezüglich gestaltet haben. Das häufig erwähnte „Candlelight-Problem“ dient an dieser Stelle als motivierendes Beispiel. Die Aufgabe besteht darin in möglichst kurzer Zeit eine Kerze mit Hilfe von Streichhölzern und Heftzwecken, die mit der Kerze zusammen in einer Box vorgelegt werden, an einer vertikalen Wand zu befestigen. Die Probanden kommen in der Regel erst nach einigen Fehlversuchen zu der Einsicht, dass auch die Box, die ursprünglich nur dem Transport der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zugeordnet wurde (Funktionale Fixiertheit), genutzt werden kann. So kann die Box mit Hilfe der Heftzwecken an der Wand befestigt werden und die Kerze hineingestellt werden. Wird dieses Experiment so abgeändert, dass derjenige unter den teilnehmenden Probanden eine finanzielle Prämie erhält, der das Problem am schnellsten löst, dauert es durchschnittlich 3,5 Minuten länger, bis die Testpersonen das Problem lösen. Mehr finanzielle Anreize sind dementsprechend sogar kontraproduktiv. (Glucksberg, S., 1964) Die Ergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen, dass sich fokussiertes Arbeiten und Kreativität gegenseitig ausschließen. Ist die grundlegende kreative Lösungsstrategie gefunden, kann sie fokussiert ausgearbeitet werden. Auch Alkohol kann in gewissen Maßen Kreativität fördern. Angetrunkene Testpersonen fanden in einer wissenschaftlichen Untersuchung schneller die Fehler auf einem Vergleichsbild als die nüchterne Kontrollgruppe. (Colflesh, G.J.H/ Wiley, J., 2013) Natürlich möchten wir niemanden zum Verzehr von Alkohol anreizen. Aber wir wollen herausstellen, dass so manche kreative Ideen auf einer Betriebsfeier geboren wurde.

Investieren Sie Ihre finanziellen Ressourcen in ein prallgefülltes Adressbuch mit Kontakten aus unterschiedlichen Abteilungen und Funktionsbereichen und tauschen Sie sich aus.

Ein Feldversuch bei Raytheon (großer Elektronik- und Rüstungskonzern) überraschte bei der Auswertung nach der Fragestellung unter leitenden Managern, wie die Arbeitsabläufe im Unternehmen oder ihren Abteilungen verbessert werden könnten. Der Vorstand bevorzugte tendenziell die anonymisierten Antworten, die von Managern waren, die in verschiedenen Abteilungen eingesetzt wurden und sich häufig austauschten. (Burt, R. S., 2004) Ähnliche Erkenntnisse und Erfahrungen ließen Steve Jobs in der Zeit bei Pixar auch dazu verleiten das neue Hauptgebäude so zu gestalten, dass alle zentralen Einrichtungen nur an einem Ort zu finden sind, damit sich Menschen über den Weg laufen. Unter anderem war geplant, dass es auch nur eine zentrale Toilette geben sollte. Die Idee wurde umgesetzt, wenn auch ohne zentrale Sanitäreinrichtung. Die Wiederstände in der Belegschaft waren schlichtweg zu groß.

Die Architektur eines Gebäudes beeinflusst Kreativität und entscheidet über Wettbewerbsvorteile.

Bei BMW haben sich die Entwicklungsteams der 5er und 7er Reihe nicht intensiv über neue Entwicklungsschritte abgestimmt, sodass die jeweils andere Abteilung mitprofitieren konnte. Zurückgeführt wurde dies auf das Savannenproblem. Die Abteilungen waren nicht auf einer Ebene, sondern übereinander im Gebäude angesiedelt. Menschen tendieren dazu sich lediglich auf einer Ebene aufzuhalten und die anderen Etagen auszublenden.

Kreativitätsübungen und Schemataverstöße trainieren das Gehirn wie Sport die Muskeln.

Dies hat zur Folge, dass sich diejenigen Gehirnareale stärker ausprägen, die für kreatives Denken verantwortlich gemacht werden. Die Vermessung der Gehirne von Londoner Taxifahrern hat ergeben, dass die angesprochenen Gehirnareale von „neuen“ Taxifahrern stärker ausgeprägt sind als diejenigen, die bereits seit Jahren routinemäßig ihre Fahrgäste zum Ziel bringen. (Maguire, E. A. et al., 2000)

Weitere Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien:

Planen Sie ihren nächsten mehrtägigen Betriebsausflug offline in der Natur ohne Smartphone, Tablet und Internet: Indem die Gedanken ohne Unterbrechung frei entfaltet werden können, wird man deutlich kreativer. Dies zeigen Untersuchungen auf, die Ergebnisse einer Kreativitätsübung mit einer Kontrollgruppe verglichen haben. (Atchley, A. A. et al., 2012)

Lassen Sie ihre Mitarbeiter selbst Dinge ausprobieren: Verschiedene Studien insbesondere mit Kindern, die sich auch auf Erwachsene übertragen lassen, kommen zum Ergebnis, dass ein „Vorsagen“ und reines Auswendiglernen vorgegebenen Wissens, die Neugierde und den Zugang zu einem tieferen Verständnis blockieren. Innerhalb eines Versuchs wurde Kindern ein Musikspielzeug geschenkt, das verschiedene Töne von sich geben konnte. In einer Kontrollgruppe stellte sich die Versuchsleiterin unwissend. In der anderen Gruppe zeigte Sie den Kindern wie das Geschenk Töne fabriziert – allerdings mit einer zusätzlichen Handbewegung, die zur Zielerreichung nicht notwendig war. Diese Kinder übernahmen in der Mehrzahl den „Fehler“, während die Kontrollgruppe sich intensiv mit dem Gegenstand beschäftigte und anschließend die effizientere Methode anwendete. Übertragen auf Personalentwicklungsmaßnahmen kann die Methode des problemorientierten Lernens angeführt werden, die häufig im Medizinstudium angewendet wird. Dabei können die Teilnehmer ausgehend von einer Fallbeschreibung ein Kernproblem ableiten und Hypothesen zu den Wirkungszusammenhängen bilden. Nach einer Phase der weiteren Informationssammlung und Analyse, können Lösungen erarbeitet werden. Dieses Vorgehen stärkt nicht nur analytische Fähigkeiten und die Kreativität der Mitarbeiter, sondern führt auch zu einem tiefen Verständnis von Prozessabläufen innerhalb des Unternehmens. (Kapur, M., 2014 und Bonawitz, E. et al., 2011.)

Kreativität wird innerhalb von Unternehmen durch verschiedene Elemente beeinflusst. Neben den genannten gibt es noch eine Vielzahl an weiteren Stellschrauben, die sich unter anderem auf die Bedeutung älterer Mitarbeitergruppen, das Wissensmanagement und die Strukturierung von Tagesabläufen beziehen. Die angesprochenen Punkte sollen in jedem Falle dazu dienen, die eigenen Methoden und das eigene Umfeld zu hinterfragen. Autor: Maximilian Summerer

 

Literatur

Atchley, A. A. et al. (2012): Creativity in the wild: Improving creative reasoning through immersion in natural settings. Plos One, 7.

Bonawitz, E. et al. (2011): The double-edged sword of pedagogy: Instruction limits, spontaneous exploration and discovery. Cognition, 120, S. 322-330.

Burt, R. S. (2004): Structural holes and good ideas. American Journal of Sociology, 110, S. 349-399.

Colflesh, G.J.H; Wiley, J. (2013): Drunk, but not blind: The effects of alcohol intoxication on change blindness. Consciousness and Cognition, 22, S. 231-236.

Glucksberg, S. (1964): Functional fixedness: problem solution as a function of observing responses. Psychonomic Science, 1 (1), S. 117-118.

Kapur, M. (2014): Productive Failure in learning math. Cognitive Science, 38, S. 1008-1022.

Maguire, E. A. et al. (2000): Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. PNAS, 97, S. 4398-4403.

Ritter, S.M. et al. (2012): Diversifying experiences enhance cognitive flexibility. Journal of Experimental Social Psychology, 48, S. 961-964.

 

Dr. Maximilian Summerer

Personalleiter der HORSTMANNGROUP sowie Initiator und Vorstandssprecher von SUMABO

Profil
2019-04-25T17:29:43+02:00Oktober 1st, 2018|Innovation, Personalmanagement|0 Kommentare

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